Kindergarten

Ich arbeite ja in einem Projekt mit 32 Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren - und seither fällt es mir noch viel mehr auf - dass oftmals derartige Kids wesentlich erwachsener sind als viele "Erwachsene" - und auch lebensfähiger.


Ist zwar jetzt irgendwie vielleicht nicht ganz verständlich, weil die Kids sind bei uns, weil sie langzeitarbeitslos sind - und teilweise noch nie einen Job hatten - manche auch noch mit 24 - aber trotzdem würde ich manche davon ruhigen Gewissens sofort in die Privatwirtschaft entlassen, sobald einige persönliche Themen erledigt sind - und deshalb sind sie auch bei uns - genau diese Hindernisse ausräumen zu können.

Es gibt immer einen Grund, warum ein Mensch genau dort steht, wo er steht - bei "unseren" Kids ist es oftmals, weil sie aus einer Umgebung kommen, die auch schon nichts anderes kannte als arbeitssuchend durchs Leben zu wandeln.

Aber einige haben beschlossen, trotzdem nicht in die Fußstapfen der Eltern zu treten - denen gebührt mein voller Respekt - und denen helfe ich gerne - wann immer und wobei auch immer. Und ich unterstütze auch jederzeit jene, die "besondere Bedürfnisse" haben - nein - stimmt nicht - ich unterstütze jene, die sich wie halbwegs zivilisierte Menschen aufführen.

Ich mags nicht bei Erwachsenen, wenn jemand glaubt, sich permanent überall einmischen zu müssen - oder eben dauernd "wichtig" zu sein. Und bei Kids, die überhaut nix auf die Reihe bekommen und dann glauben, mir einen auf Wichtig machen zu müssen - die gehen genauso wenig wie entsprechende Erwachsene.

Wobei ich aber auch dazu stehe - und das auch meinen KollegInnen kommuniziere, wenn ich mit wem überhaupt nicht "kann". Spannenderweise habe ich vor Kurzem festgestellt, dass mein Bauchgefühl wieder mal voll recht hat - in Bezug auf Einschätzung jener, die ich eher als "verlorene Liebesmüh" eingeschätzt hatte.

Ich gestehe, ichbin ein "fauler Hund" - auch in Bezug auf Coaching und sozialpädagogische Betreuung - wenn mein Bauchgefühl sagt - das bringt - jetzt - noch - nichts - dann vergeude ich auchkeine unnätige Zeit, tortzdem irgendwas zusammen zu bringen.

Ein Muster wiederholt sich mal wieder - in meinem unselbständigen Berufsleben - vertraue nie den Worten von KollegInnen, die großspurig ihr Hilfe anbieten - weil meist brauchen sie selbst mehr davon - und retten nur andere, um nicht auf sich selbst schauen zu müssen - um von sich selbst ablenken zu können.

Ich habe das grosse Glück, in einem Team zu arbeiten, wo wir und echt und ehrlich gegenseitig unterstützen und auch kurzfristig mal "einspringen", wenn wer ausfällt. So etwas hatte ich noch nie - und es ist ein voll tolles Gefühl.

Nein, nichts ist perfekt, aber vielleicht wird es das ja auch noch. Was mir ganz besonder auffällt ist, dass fast alle wirklich hinter dem Projekt stehen - voll und ganz - und es auch (fast) alle nicht hinterfragen, mal an zu packen und/oder einhalbes Stündchen länger zu bleiben, weilebennoch etwas zu tun ist - oder zu besprechen.

Unsere WerkstättenleiterInnen hatten nicht gewusst, worauf sie sich einlassen - aber sie halten sich wacker - ich hätte es nicht vermutet, dass jede und jeder einzelne von ihnen so ausdauernd und zäh ist - es ist voll schön, Teil dieser tollen Truppe zu sein.

In meiner Kollegin, die auch meine Vertretung macht, wenn ich, sowie heute - an einem Freitag vormittag einen Termin habe, den ich schon hatte, bevor ich den Job übernahm - habe ich sogar so etwas wie eine Seelenverwandte gefunden - da war vom ersten Telefonat an irgendwie eine absolute Überinstimmung da, die sich seither nur noch vergrössert hat.

Und auch bei einigen unserer Jugendlichen merke ich, dass da viel mehr in ihnen schlummert, als bisher an die Oberfläche getreten ist. Und dieses mein Bauchgefühl wird immer sicherer in seiner Beurteilung.

Ja, ich beurteile - ich gestatte mir, mir die Rosinen aus dem Kuchen zupicken - mich verstärkt um jene zu kümmern, denen ich auch wirklich mit Rat und Tat unter die Arme greifen kann. Ich beschränke mich auf das, was ich kann - mische mich aber auch nicht in die Arbeit der anderen - aber ich wälze diese auch nicht sang- und klanglos auf andere ab.

Wir haben eigentlich ne klare Abmachung - ich bin die Koordinatorin - ergo, zwangsläufig auch der "böse Bulle", die die wöchentlichen Moralpredigten hält. Ich bin jene, die die betreut, die sich im Bereich EDV und Internet positionieren wollen, weil das mein Bereich ist, da kann ich am effizientesten weiter helfen.

Und ich kümmere mich um meine KollegInnen, wenn sie was brauchen - und sie wissen, dass sie jederzeit zu mir kommen können - und wenn ich mal gestresst erscheine, reicht meist einfach ein Blick, um sie wieder abrauschen zu lassen.

Sie nehmen mir aber auch ein kurz angebundenes "Jetzt nicht" nicht krumm, weil sie auch wissen, sobald ich Zeit hab, komm ich dann sowieso von mir aus vorbei um zu fragen, was sie gebräucht hätten.

Mir ist jetzt beim Schreiben etwas bewusst geworden - ich helfe gern und fast rund um die Uhr - aber ichhelfe, weil ich es gern tue - nicht, weil irgendwer drauf besteht, dass ich jetzt auf der Stelle für sie/ihn da sein muss - alles liegen und stehen lasse - um mich um deren Angelegenheit zu kümmern.

Solch ein Verhalten - und hiermit komm ich wieder zum Kindergarten - entspricht genau dem, was ichnicht mag - wenn jemand glaubt, sie/er sei der Mittelpunkt der Welt - und jede und jeder muss hier und jetzt alles liegen und stehen lassen, um sich um deren Befindlichkeit zu kümmern.

Ist dann wie die Kinder, die sich im Supermarkt auf den Boden werfen und heulen und toben, bis sie das Eis bekommen, das sie jetzt und hier wollen. Sowas brauch ich nicht - dafür bin ich zu alt - und zu müde - wenn sich wer wie im Kindergarten aufführen möchte - gerne - aber an geeigneter Stelle - im Kindergarten - nirgends, wo ich was zu sagen habe.

Ich nehme meine Jobs ernst - ich bin glücklich darüber, viele KollegInnen zu haben, die das ähnlich sehen - ich verstehe viele Scherzchen vieler Menschen nicht - aber wenn wer akzeptiert und respektiert, dass ich möglicherweise einen anderen Zugang zum Humor der Allgemeinheit habe - und sich bemüht, mich da nicht irgendwie reinziehen zu müssen, dann kann sowas klappen.

Wenn wer allerdings glaubt, mir permanent in den Rücken fallen zu müssen - dann sollte sich diese Person um die Jahreszeit eher warm anziehen. Ja, ich hab mich wieder mal auf was eingelassen, was zu Nierenkoliken geführt hat - ich habe gestern damit abgeschlossen - für mich beschlossen, dicht zu machen und um zu kehren.

Ich habe tolle Jobs - ich habe tolle KollegInnen - und die, die es wert sind, können alles von mir haben. Wenn jemand aber glaubt, sich auf unsere Kosten wichtig machen zu können, die/der sollte sich in ihrem/seinen Tun nicht allzu sicher sein - könnte eine blutige Nase bringen - letztendlich.


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