Lieber Papa - es ist mir viel zu schwer

Welche Erkenntnisse am laufenden Band - die aktuelle ZeitQualität kann schon was - unabhängig von allen Pandemien und wahnwitzigen Diktatoren, welche die Welt ins Chaos stürzen wollen - und auch tun.

Begonnen hats Anfang der Woche - als ich in meinem HausChaos den ersten Karton mit Dias hervor zerrte - und wieder mal vor der Frage stand - weiter aufheben - oder einfach weg schmeissen?


Mittlerweile sind 4 IkeaSäcke voll weg - die grüne Tonne ist übervoll und wartet auf die nächste EntLeerung - und die Behältnisse von der letzten Runde sind sich auch nicht mehr ausgegangen - aber die kommen dann gleich rein, wenn sie leer ist, damit sie durch das Gewicht der nächsten Dias dann vielleicht noch etwas zerkleinert werden - weil stapeln kann man die nicht ;-)

Und wenn ich mich unten im großen Raum so umschau, befürchte ich, das ich grad mal bei der Hälfte bin, was da noch weg kommen sollte - wobei - schaun ma mal, schließlich hab ich ja vor, einiges dann in der Garage zu lagern, sobald wir die gedämmt haben.

Doch worum geht's wirklich?

Mein Vater hatte 2011 einen Oberschenkelhalsbruch - und war danach auch leichtsinnig - und letztendlich lautete die Diagnose = Pflegefall und er wird in einer Woche entlassen. Die Beraterin meinte dann, es gäbe 2 Möglichkeiten

  • Pflegeheim oder
  • 24 Stunden Hilfe

Meine Mutter entschied, ihn auf keinen Fall in ein Heim zu geben - allerdings traf sie auch keine EntScheidung, wie das mit einer 24 Stunden Hilfe arrangiert und organisiert werden könnte - sondern stand nur da und wiederholte - "was soll ich jetzt tun?".

Also begann ich mal, das Zimmer meines Vaters aus zu räumen, weil das war der einzige Raum, in dem wir eine 24 Stunden Hilfe unterbringen hätten können - das war mein altes Zimmer - und vorher das meiner Brüder.

Meine ExSchwägerin wußte von einem Todesfall, der 24 Stunden Hilfen hatte - aus dem Ort, in dem meine Eltern wohnten - und organisierte ein Treffen mit den beiden - und sie sagte meinen Eltern, sie an dem Wochenende zu untertützen, nachdem er entlassen wurde - und bis die erste 24-Stunden Hilfe anfangen hätte können.

Du musst dir da ein Zimmer vorstellen, welches von einem Tischler bis zur Decke hoch verbaut war - und auf der anderen Seite befand sich ein alter 3türiger Kasten - und all das war vorll geschlichtet mit Dias und sonstigen Untrlagen, die sich im Laufe des fast 90jährigen Lebns meines Vaters angesammelt hatten - oder zumindest in den 50, die es mich damals schon gab.

Also räumte ich kurzfristig meinen großen Raum unten beim Eingang aus - verschenkte kurzfristig meine Couch - gegen Selbstabholung - und begann, sein Zimmer aus zu räumen - und zu mir zu karren


Ich füllte eine Woche lang 2 bis 3x am Tag meinen damaligen uralten Volvo an - und karrte alles zu mir nach Hause - zwischendurch zum Ikea um Regale, damit ich das Alles einschlichten kann - bei einigen Buchserien ließ ich die gleich in IkeaSäcken.

Ich schaffte es rechtzeitig - er kam am Freitag nach Hause - am Samstag kam ich zu Besuch und zeigte ihm die Fotos von seinem Zwischenlager - und erklärte ihm auch, dass ich alles wieder zurück bringe, sobald es ihm besser ginge - und er sich wieder erholt hätte - dachte ich damals - am Sonntag rief mich meine Mutter an, weil er mit hohem Fiber zurück ins Spital musste - und einige Stunden später starb er.

Selbstverständlich bin ich mir nicht sicher - aber da er immer in Sorge war, was mit seinen "Schätzen" passieren würde, wenn er mal nicht mehr war - könnte es sein, dass ich ihm indirekt diese Sorge abgenommen habe - und irgendwie dürfte es eine Erleichterung für ihn gewesen sein, sie bei mir zu wissen.

Tja  und da waren sie jetzt - über 10 Jahre - naja, ein paar Sachen hatte ich im Laufe der letzten 3 Jahre schon aussortiert und ent.sorgt - aber da ich nicht mit dem Ableben meines Vaters gerechnet hatte - hatte ich das Alles auch nicht gleich aussortiert - sondern wirklich Alles zu mir gekarrt.

Anfang der Woche stieß ich dann beim weiter sortieren auf einen sauschweren Karton mit Dias drinnen - querbeet - also Kraut und Rüben - auf vorigem Foto siehst du die Metallschatullen mit den geordneten und sortierten Dias - die, die ich jetzt fand, waren in kleinen Plastikschachteln - schon auch alle sortiert und fein säuberlich beschriftet - aber nicht immer zusammenhängend in den jeweiligen Kartons.

Tja - und da sass ich nun und überlegte - eigentlich hat er mir das Alles aufgebrüdet - dass ich die Verantwortung für sein Vermächtnis übernehme - wahrscheinlich auch insgeheim gehofft, dass ich es nun schaffe, seine Bücher zu veröffentlichen, die er geschrieben - aber eben nie veröffentlicht hatte.

Zumindest hatte ich schon ein paar Mal versucht, irgendwen für seine Dias zu begeistern - einmal gabs sogar schon ein Gespräch mit seinem besten Freund, der sogar von sich aus anbot, dass wir gemeinsam ein Buch heraus geben - in memorian - sich dann aber nie wieder gemeldet hatte.

Sein cousin hat mich schon mehrmals gefragt, ob ich noch Fotos von ihm und seiner Familie habe - ja, habe ich - aber solange ich nicht durch alle Kartons durch bin, werde ich da auch nix weiter geben - wenn, dann bekommt er alles auf einmal ;-)

Naja, ich hab jetzt nochmals in der NostalgieGruppe seines Heimatortes gefragt, ob jemand Interesse an seinen Dias hat - also jene mit Bezug zum Ort und zur näheren Umgebung. 

Die vom Stubenbergsee hatte ich auch in einem eigenen Karton gesammelt, aber ich glaub, die landen auch dort, wo die anderen landen - weil auch, wenn sie wer möchte, hab ich keine Lust, dort hin zu fahren - oder das Ganze mit der Post zu senden.

Ich hab auch noch Schulhefte von mir - und von meinem Bruder gefunden - von dem, der 1971 verstorben ist - das ist mittlerweile alles weg - wozu sollte ich es aufheben?

Ich hab auch noch alle Briefe seit Mitte der 50er Jahre des vorigen Jahrtausends gefunden - die werde ich im Sommer einfach in Summe verbrennen - die will ich nicht einfach wegwerfen - da ist mir lieber, sie lösen sich in Licht und Wärme auf.

Und ja - es sind viele Briefe - weil er ja immer wieder monatelang auf Expeditionen war - und dann gabs fast täglich je einen Brief von ihm an meine Mutter und/oder an mich - und umgekehrt - und ja, er hat sie alle aufgehoben.

Zusätzlich dann noch leere Kuverts - und leere DiaRahmen - und Schmierpapier - und Zwischenkartons - und und und - naja, und die Zeitschriften von einem halben Jahrhundert. Das sollte mittlerweise Alles weg sein - aber ein paar Kartons hab ich noch zum durch schauen.

Wie auch immer - worum geht's mir aktuell?

Warum diese Überchrift?

Weil ich ja auch eine Ausbidlung als Aufstellungsleiterin habe - und da gibt es Rituale, in denen wir die Last, die wir - freiwillig - übernommen haben - wieder zurück geben - meist bekommt man dafür einen Rucksack - oder einen Polster, den der Fokus einer Aufstellung dann an die RepräsentantInnen der Eltern zurück gibt.

Ich machs einfach durch die Sortierung der Dias in Plastik und Papier - und verabschiede mich mit jedem einzelnen Plastikschächtelchen ein Stck mehr - von meinem Vater - und vor allem - von der Last, die ich vor über 10 Jahren übernommen hatte.

Wobei ich ja schon vor 20 Jahren dachte, ich hätte mich von der Vorstellung gelöst, dass ich meinem Vater ein guter Sohn sein möchte - jetzt will ich auch keine gute Tochter mehr sein - nicht, wenn das bedeutet, diese Last weiter zu tragen.

Sie ist mir viel zu schwer.

Bitte schau freundlich auf mich, wenn ich jetzt endlich wirklich mein Leben lebe - und nicht länger das von irgend einem meiner Brüder - ich habe euch alle in meinem Herzen - aber ich will sie nicht mehr zusätzlich verkörpern - im wahrsten Sinne des Wortes.

Und mit jedem kleinen Plastikschachterl, welches ich ent.leere - fühle ich mich auch - wieder einmal - wesentlich freier und leichter - und ich freu mich schon sooooo sehr auf meinen Salon, der dort entstehen wird, wo jetzt noch die Regale mit den Sachen meines Vaters stehen.

Ich gehe davon aus, dass die Zeit endlich wirklich reif ist - weil bisher war es immer nur irgendwie mühsam, weiter zu machen - aber die letzten Tage flutschte es irgendwie - und ich hab auch schon für die nächste Befüllung zwei volle IkeaSäcke fertig.

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